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Adoption & Pflege: Wie nenne ich die leiblichen Eltern?

Kritik an einem vielgenutzen Begriff

Spricht man mit Adoptivkindern oder Pflegekindern über die eigene Herkunft der Kinder, werden leiblichen Eltern oder einem leiblichen Elternteil häufig Namen verliehen.

So ist sowohl in der Literatur zum Thema als auch im allgemeinen Sprachgebrauch bei Adoptiv- oder Pflegefamilien häufig von  der "Bauchmama" die Rede, wenn von der leiblichen Mutter gesprochen wird.

 

Persönlich habe ich sehr große Schwierigkeiten mit dieser Begrifflichkeit, da er die leibliche Mutter auf den Körper reduziert. Noch kritischer wird es, wenn konträr zum Begriff "Bauchmama" auch noch der Begriff "Herzmama" zur Beschreibung der annehmenden Mutter genutzt wird. Werden beide Begriffe nebeneinander genutzt impliziert dies, dass die leibliche Mutter keine Herzmama gewesen sei - was ich äußerst schwierig finde. Alle Kinder, die in Deutschland oder anderswo nach rechtmäßgen Adoptionsverfahren (siehe auch Haager Adoptionsübereinkommens) adoptiert werden, werden von den leiblichen Müttern zur Adoption freigegeben. Wer kann sich da anmaßen, ihnen den Namen Herzmama abzusprechen? Eine Entscheidung, das eigene Kind zur Adoption freizugeben, kann eine Entscheidung aus Liebe sein. Wird die leibliche Mutter durch den Begriff "Bauchmama" nicht auf das Austragen des Kindes reduziert, sprechen wir ihr vielleicht sogar jegliche Liebe für ihr Kind ab?

 

Auffällig ist auch, dass bei der Disskussion über die Begrifflichkeiten die leiblichen Väter häufig gar nicht auftauchen bzw. sich nicht damit auseinander gesetzt wird, wie diese bezeichnet werden.


Völlig unabhängig davon, wieso, weshalb oder warum ein Kind nicht bei seiner leiblichen Mutter, seinem leiblichen Vater leben kann: Es liegt an uns pädagogischen Fachkräften, Adoptiv- und Pflegefamilien, Kindern durch eine altersgerechte Biografie-Erklärung und Biografie-Arbeit eine positive Beziehung zur Herkunftsfamilie - und damit schlussendlich zu ihrer eigenen Identität - zu vermitteln.

 

Wie nenne ich nun aber die leiblichen Eltern?

Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten - wichtig ist darauf zu achten, dass der gewählte Begriff keine (Ab)Wertung beinhaltet. In der Literatur wird manchmal auch von "der ersten Mutter" und "dem ersten Vater" gesprochen, auch diese Begrifflichkeiten finde ich persönlich nicht unproblematisch.

Ich bevorzuge in der Kommunikation beispielsweise folgende Alternativen:
- Vornamen der leiblichen Mutter bzw. des leiblichen Vaters

- Mama + Vorname bzw. Papa + Vorname des leiblichen Elternteils

- Mama, in deren Bauch du gewachsen bist

- leibliche Mama bzw. leiblicher Papa

- oder die Nutzung von Mama und Mami (ein Wort für die leibliche Mutter, eines für die annehmende Mutter) bzw. Papa und Papi.

Selbstverständlich kann der Vorname der Mutter bzw. des Vaters nur mit einbezogen werden, wenn dieser bekannt ist.

 

Generelle Hilfestellung zur Gesprächsgestaltung mit dem Adoptiv-/Pflegekind

Eins vorab: Wie bereits weiter oben erwähnt ist es wichtig, eine Biografie-Erklärung und -Arbeit altersentsprechend umzusetzen. Welches Verständnis ein Kind über sein Adoptiertsein oder Pflegekind-sein hat, hängt von der individuellen Entwicklungsstufe ab. Inhalte und sprachlicher Ausdruck sollten somit an die Entwicklungsstufe des Kindes angepasst sein.

 

Eine Orientierung zur Gesprächsgestaltung kann das Konzept der kommunikativen Offenheit sein.

Das Konzept der kommunikativen Offenheit (Brodzinsky 2005, 2006) behandelt die Kommunikation über die Adoption bzw. das Adoptiertsein innerhalb der Adoptivfamilie. Als Adoptivfamilie oder pädagogische Fachkraft lohnt es sich, sich mit diesem Konzept näher auseinanderzusetzen. Das Ziel der kommunikativen Offenheit ist, dass eine Adoptivfamilie eine eigene Normalität entwickelt und lebt. Dazu gehört, dass alle Familienmitglieder offen über die Adoption sprechen und alle Gefühle, die damit verbunden sind, ausdrucken können.

Es beinhaltet 12 Grundprinzipien (Brodzinsky 2011). Zu diesen Prinzipien gehört beispielsweise, dass die Aufklärung des Adoptivkindes kein singuläres Ereignis ist, sondern ein (lebenslanger) Prozess. Weiterhin gehört dazu, dass das Kind von Beginn an über seine Adoption aufgeklärt wird und dass sich die Adoptiveltern ihrer eigenen Gefühle und Bewertungen in Bezug auf die Herkunftsfamilie des Kindes bewusst sind.

Negative Bewertungen der Herkunftseltern oder der Vergangenheit des Kindes sollten vermieden werden.

 

Weitere Hilfestellung bietet beispielsweise der Leitfaden "Positive Adoption Conversation. An Adoptive Families Guide“ der US-amerikanischen Organisation fostering together. Dieser kann hier heruntergeladen werden.

 

Quellen

Brodzinsky, David M. (2005): Reconceptualizing openness in adoption: Implications for theory, research, and
practice. In: Brodzinsky, David M./Palacios, Jesús (Hrsg.): Psychological issues in adoption: Research and
practice. Westport, CT, US, S. 145–166


Brodzinsky, David M. (2006): Family structural openness and communication openness as predictors in the
adjustment of adopted children. In: Adoption Quarterly, 9. Jg., H. 4, S. 1–18


Brodzinsky, David M. (2011): Children‘s understanding of adoption. Developmental and clinical implications. In:
Professional Psychology: Research and Practice, 42. Jg., H. 2, S. 200–207

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