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Wie belastet sind Adoptivfamilien?

In Deutschland gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen zum Adoptionswesen, aus anderen europäischen Ländern wie Italien, Schweden und England sowie den USA gibt es jedoch bereits sehr differentzierte Untersuchungen.

 

Jedes Adoptivkind bringt seine eigene, individuelle Lebensgeschichte sowie soziale, individuelle, biologische, und auch genetische Voraussetzungen mit. Ein Großteil der Adoptivkinder entwickelt sich dem Alter entsprechend, aber die Wahrscheinlichkeit von Bindungs- und Verhaltensproblemen sowie Entwicklungsverzögerungen ist wesentlich größer.

So haben national und international adoptierte Kinder häufiger behandlungsbedürftige Verhaltensprobleme und sind häufiger in psychotherapeutischer Behandlung im Vergleich zu nicht-adoptierten Kindern.

 

In Deutschland wurde bislang wenig zum Thema Adoptionen geforscht, umso erfreulicher, dass das Deutsche Jugendinstitut München (dji) eine Längsschnittstudie durchgeführt hat, die bisland die größte Befragung von Adoptivfamilien in Deutschland ist.

Zu Beginn der Studie wurden 257 Familien (198 Fremdadoptionen im Inland; 59 Fremdadoptionen aus dem Ausland) befragt. Die Familien wurden 2 Jahre und 5 Jahre nach der Adoption zu Wohlbefinden und Belastungen befragt.

Bei der ersten Erhebung wies die Mehrheit der Adoptivkinder keine erhöhte psychische Belastung auf, mehr Belastungen fanden sich bei international adoptierten Kindern. Bei der zweiten Erhebung stieg in allen 3 Belastungsbereichen - Verhaltensprobleme, Bindungsstörungssymptome, Traumasymptome - der Anteil der belasteten Adoptivkinder statistisch bedeutsam an, bei international adoptierten Kindern war der Anstieg höher.

Es zeigte sich außerdem, dass bei einer vorhandenen Belastung, diese oft mehrere Bereiche betrifft. Die Belastung zeigte sich signifikant stabil. Dass heißt, dass Kinder, die bereits bei der ersten Befragung stark belastet waren auch bei der zweiten Befragung eine hohe Belastung aufwiesen.Es gab jedoch auch eine Gruppe von Kindern, die bei der zweiten Befragung von klinisch bedeutsamer Belastung berichten, die bei der ersten Befragung unbelastet waren.

 

Bezüglich der Unterstützungsbedarfe von Adoptivfamilien benannten 33% der Eltern einen nicht-gedeckten Bedarf an Unterstützung.

22% der Eltern nannten Schwierigkeiten bei der Inanspruchnahme von Beratungsangeboten vor allem aufgrund mangelnder Verfügbarkeit von Beratungsangeboten, aber auch dem nicht-vorhandensein wohnortnaher Angebote und der mangelnden Kostenübernahme.

 

Die Ergebnisse der Studie decken sich auch mit den Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren in der Adoptionsberatung gemacht habe. Ein großes Problem ist der Mangel an Angeboten für belastete Adoptivfamilien. Dazu kommt, dass selbst dort, wo solche Angebote zur Verfügung stehen, die Durchführenden nicht selten unzureichend pädagogisch und psychologisch geschult sind und/oder fachlich nicht umfassend genug qualifiziert sind.

Aufgrund der immer weiter zurückgehenden Adoptionszahlen wird der Mangel an zur Verfügung stehenden Angeboten sicherlich weiter verstärkt.

 

Es ist absolut wünschenswert, dass ein gesellschaftlicher und politischer Diskus zum Thema Adoption stattfindet und somit auch auf den Bedarf von Adoptionsfamilien eingegangen werden kann. Aufklärungsarbeit auf verschiedenen Ebenen - bei (angehenden) Adoptivfamilien, pädagogischen und psychologischen Fachkräften und nicht zuletzt gesamtgesellschaftlich ist dringend notwendig.

 

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